West-Nil-Virus / West-Nil-Fieber

Das West-Nil-Fieber ist eine durch das West-Nil-Virus (WNV) verursachte virale Infektionskrankheit, die primär durch den Stich infizierter Stechmücken der Gattung Culex auf den Menschen übertragen wird. Diese Stechmücken sind vor allem dämmerungs- und nachtaktiv und kommen in Europa, Nordamerika, Afrika und Asien vor. Das Virus zirkuliert hauptsächlich zwischen Vögeln und Stechmücken, der Mensch ist ein sogenannter Fehlwirt. Eine direkte Übertragung von Mensch zu Mensch ist sehr selten, kann aber über Bluttransfusionen oder Organtransplantationen erfolgen [1,2].

Das West-Nil-Virus gehört zur Familie Flaviviridae und zur Gattung Flavivirus, zu der auch andere humanpathogene Viren wie Dengue, Zika und FSME gehören. Nach einer durchgemachten Infektion bildet der Körper in der Regel eine langanhaltende Immunität [1].

West-Nil-Virus

Virusname West-Nil-Virus (WNV)
Virusfamilie / Gattung Flaviviridae / Flavivirus
Genom Positivsträngige RNA (ssRNA⁺), behüllt
Serotypen / Linien Ein Serotyp; mehrere genetische Linien (v. a. Linie 1 und 2)
Hauptvektoren Culex-Stechmücken (z. B. Culex pipiens)
Vektoraktivität Vorwiegend dämmerungsaktiv
Natürlicher Übertragungszyklus Vogel ↔ Culex-Stechmücke (enzootischer Zyklus)
Weitere Übertragungswege Bluttransfusion, Organtransplantation, vertikal (Schwangerschaft), Stillen,
Fehlwirte Mensch, Pferd (keine Weiterübertragung)
Geografische Verbreitung Afrika, Europa, Naher Osten, Nordamerika; endemisch in Teilen Europas
Inkubationszeit 2–14 Tage (meist 3–6 Tage)
Anteil asymptomatischer Infektionen ca. 80 %
Typische Symptome Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Müdigkeit, gelegentlich Hautausschlag
Schwere Verläufe Neuroinvasive Erkrankungen (Meningitis, Enzephalitis, schlaffe Lähmungen)
Risikogruppen Ältere Menschen, Immungeschwächte
Letalität < 1 % insgesamt; höher bei neuroinvasiven Verläufen
Therapie Keine spezifische antivirale Therapie; symptomatisch
Impfstoff Kein zugelassener Impfstoff für Menschen (Impfstoffe für Pferde verfügbar)
Immunität nach Infektion Wahrscheinlich langanhaltend
Prävention Mückenschutz, Vermeidung von Stichen in der Dämmerung/Nacht
Infektionsrisiko in Deutschland gering, aber zunehmend

Inkubationszeit und Symptome

Die Inkubationszeit beträgt typischerweise 2–14 Tage. Die meisten Infektionen verlaufen asymptomatisch oder nur mit milden grippeähnlichen Symptomen wie leichtem Fieber, Kopfschmerzen, Glieder- oder Muskelschmerzen. Nur etwa 20 % der Infizierten entwickeln deutliche Symptome. Schwere Verläufe mit Hirnhaut- oder Gehirnhautentzündung (Meningoenzephalitis) treten vor allem bei älteren Menschen oder Personen mit geschwächtem Immunsystem auf [2,3].

 

Behandlung und Prävention

Es gibt derzeit keine spezifische antivirale Therapie gegen WNV. Die Behandlung erfolgt symptomatisch, z. B. durch Fiebersenkung, Flüssigkeitszufuhr und bei schweren Fällen stationäre medizinische Betreuung.

Prävention beruht auf dem Schutz vor Stechmückenstichen: Abends und nachts lange Kleidung tragen, Insektenschutzmittel verwenden, Stechmückenbrutstätten wie stehendes Wasser vermeiden. Für Blutspenden und Organtransplantationen gelten vorsorgliche Screening-Maßnahmen, um Übertragungen zu verhindern [2].

 

Situation in Deutschland

Das West-Nil-Virus wird in Deutschland seit mehreren Jahren intensiv überwacht. Untersuchungen von Wildvögeln und Stechmücken zeigen seit 2018 regelmäßige Nachweise bei Vögeln und Pferden, zunächst vor allem in Ostdeutschland  [4-6]. Im Jahr 2024 wurden vereinzelt WNV-Fälle bei Tieren in fast allen Bundesländern festgestellt, mit einer Zunahme insbesondere in Norddeutschland. Eine Übersicht bietet das TierSeuchenInformationsSystem (TSIS) (https://tsis.fli.de/).

Die ersten in Deutschland erworbenen Infektionen beim Menschen wurden 2019 gemeldet. Seitdem treten in den Sommer- und Herbstmonaten jährlich Erkrankungen auf (2019–2024: 4–35 Fälle pro Jahr). Die meisten Fälle wurden in Ostdeutschland registriert [7].

Da viele Infektionen symptomlos verlaufen, ist von einer höheren Dunkelziffer auszugehen. Das wiederholte Auftreten zeigt, dass sich das WNV in Deutschland etabliert hat und künftig saisonal auftreten wird. Zusätzlich werden immer wieder Infektionen bei Reiserückkehrenden aus betroffenen Regionen festgestellt. Im Sommer 2025 kam es in Italien zu einem deutlichen Anstieg von West-Nil-Virus-Infektionen mit früherem Saisonbeginn und einer Ausbreitung auf zahlreiche Regionen. Hohe Temperaturen und Hitzewellen werden als wesentliche Faktoren für diese veränderte Epidemiologie angesehen. Die Entwicklung gilt als Hinweis darauf, dass klimatische Veränderungen die Verbreitung des Virus in Südeuropa begünstigen, was auch für Reisende und benachbarte Regionen relevant ist [8].


Literaturverzeichnis

  1. Petersen, L. R., Brault, A. C., & Nasci, R. S. (2013). West Nile Virus. JAMA, 310(3).

  2. Sejvar, J. J. (2014). Clinical Manifestations and Outcomes of West Nile Virus Infection. Viruses 2014, Vol. 6, Pages 606-623, 6(2).

  3. European Centre for Disease Prevention and Control. West Nile virus infection. ECDC [abgerufen am 17. Dezember 2025]. Verfügbar unter https://www.ecdc.europa.eu/en/west-nile-virus-infection.

  4. Ziegler, U., Lühken, R., Keller, M., Cadar, D., Grinten et al. (2019). West Nile virus epizootic in Germany, 2018. Antiviral research, 162.

  5. Ruscher, C., Patzina-Mehling, C., Melchert, J., Graff, S. L., et al. (2023). Ecological and clinical evidence of the establishment of West Nile virus in a large urban area in Europe, Berlin, Germany, 2021 to 2022. Eurosurveillance, 28(48).

  6. Ziegler, U., Santos, P. D., Groschup, M. H., Hattendorf, C., et al. (2020). West Nile Virus Epidemic in Germany Triggered by Epizootic Emergence, 2019. Viruses, 12(4).

  7. Frank, C., Jung-Sendzik, T., Frank, C., & Jung-Sendzik, T. (2025). Saison 2025 stechmückenübertragener Krankheitserreger in Deutschland beginnt. Epid Bull 2025;29:24-27

  8. Cuciniello, R., Pennisi, F., D’Amelio, A. C., Signorelli, C., & Rezza, G. (2025). West Nile virus spread in Italy, summer 2025: a climate change hallmark? Frontiers in Public Health, 13.