Rückblick auf Extremjahre
Das Wettergeschehen der letzten zehn Jahre zeigt den Klimawandel deutlich: längere Phasen mit extrem geringen als auch mit hohen Niederschlägen wurden beobachtet. Anhaltende sommerliche Hitze- und Dürrephasen traten in den Jahren 2003, 2017, 2018 oder 2022 auf, wodurch auch die Flusswasserstände niedrige Werte erreichten. Larven der Überschwemmungsstechmücken kamen in diesen trockenen Jahren nur infolge lokaler Ereignisse zur Entwicklung.
Im starken Gegensatz dazu standen die Verhältnisse in den Sommern von 2016, 2021 und 2024, als schwankende Wasserstände durch andauernde oder wiederkehrende Schlechtwetterphasen für viele Wochen nach oben getrieben wurden. Es kam wiederholt zu Schlupfereignissen im Rheinvorland. Extreme Wasserstände überschwemmten auch die höchstgelegenen Brutareale mit zeitlicher Verzögerung. Dies bedeutete langwierige und komplexe Bekämpfungseinsätze mit hohen Anforderungen an Personal, Technik und Logistik. Solche extrem nassen Jahre bringen ein erhöhtes Belästigungspotenzial für die Oberrheinanlieger mit sich. Mit der Klimaerwärmung ist damit zu rechnen, dass solche Szenarien häufiger werden.
Ausgangslage am Oberrhein
Eine kurze Charakterisierung der bisherigen Klimabedingungen des Oberrheins vom Regionalverband des südlichen Oberrheins aus dem Jahr 2006 [1] beschreibt für das Oberrheingebiet ein mild-gemäßigtes subatlantisches Klima. Der Wechsel zwischen kontinentalen und ozeanischen Luftmassen bringt meist ganzjährig ausreichend Niederschläge ohne ausgeprägte Nass- oder Dürreperioden mit sich. Das jährliche Niederschlagsmaximum wird von Juni bis August gemessen. Der Schutz der umliegenden Mittelgebirge schränkt den Luftwechsel im Oberrheingraben ein. Dies begünstigt hohe Luftfeuchte und die Bildung von Wärmeinseln in Siedlungsgebieten.
Auswirkungen des Temperaturanstiegs
Stechmücken sind wechselwarme (ektotherme) Tiere. Ihre Lebensaktivitäten hängen daher von der Umgebungstemperatur ab. Höhere Temperaturen beschleunigen alle Lebensvorgänge und begünstigen eine schnellere Larvenentwicklung, Metamorphose, zügigere Paarung und Wirtssuche sowie eine beschleunigte Eibildung und -reifung nach der Blutmahlzeit. Wärmere Durchschnittstemperaturen werden die Zeitspanne für die Entwicklung verkürzen sowie die Saison der Stichbelästigung verlängern. Stechmücken sind insbesondere bei schwülwarmer Witterung flug- und stechfreudig. Eine Zunahme schwülwarmer Sommertage kann daher zu einem höheren Belästigungspotenzial führen und auch die Übertragungswahrscheinlichkeit von Krankheitserregern steigern.
Bekämpfungseinsätze müssen diese klimatisch bedingten Veränderungen einkalkulieren: das Zeitfenster zur Reduktion einer Larvengeneration verkürzt sich bei höherer Temperatur auf etwa fünf Tage. Durch die kürzere Generationsdauer müssen auch Bekämpfungszyklen gegen bestimmte Stechmückenarten angepasst werden. Dies betrifft insbesondere Stechmückenarten im häuslichen Umfeld. Diese kulturfolgenden Stechmücken nutzen mit Vorliebe menschengemachte Gefäße als Brutstätten.
Auch die Einwanderung aus dem Mittelmeerraum (Arealverschiebung) oder die Etablierung und Ausbreitung eingeschleppter Arten wie der Asiatischen Tigermücke wird gefördert. Global gibt es viel mehr wärme- als kälteadaptierte Stechmückenarten, es besteht also Potenzial für weitere Einschleppungen. Zunehmende Einträge von exotischen Stechmücken und Krankheitserregern gehen jedoch nicht ursächlich auf den Klimawandel zurück, sondern hängen mit vermehrten Fernreisen und dem globalen Warentransport zusammen [2]. Geeignete Temperaturen ermöglichen jedoch die Ansiedlung und Ausbreitung.
Auch einheimische Arten die als Larven überwintern (etwa einige Arten der Sumpfwaldstechmücken), können durch mildere Winter gefördert werden.
Gesundheitsaspekt bei Hitze
Auch Krankheitserreger entwickeln sich bei Wärme besser. Für Viren und andere Erreger gibt es Mindesttemperaturen, die notwendig sind, damit eine Entwicklung in der Stechmücke überhaupt stattfinden kann [3]. Nach der Anreicherung der Erreger werden sie durch einen weiteren Stich übertragen. Passende Bedingungen mit längeren Hitzephasen und tropischen Nachttemperaturen über 20 °C traten im Oberrheingebiet bereits auf und könnten in den kommenden Jahren weiter zunehmen, wodurch bodenständige Übertragungen von Krankheitserregern möglich werden. Potenziell könnte sogar eine lokale Etablierung stattfinden.
Auswirkungen von Landregen und Starkregen
Anhaltende Niederschläge und lokale Starkregenfälle führen zu Überschwemmungen, erhöhten Grundwasserständen oder füllen Gräben. Die Fläche an verfügbarem Brutraum für Überschwemmungsstechmücken wird vergrößert. Nassere Winter können die Entwicklung der Sumpfwaldstechmücken im Frühjahr fördern.
Zwischenzeitliche Dürrephasen können den Larvenschlupf zwar kurzzeitig bremsen. Im Gegensatz zu Tiergruppen von Feuchtgebieten überleben die Eier der plageerregenden Überschwemmungsstechmücken solche Dürrephasen jedoch problemlos für mehrere Monate bis hin zu mehreren Jahren. Füllt sich eine ausgetrocknete Brutstätte wieder mit Wasser, ist diese meist räuberarm oder -frei. Stechmückenlarven können sich dann ungestört entwickeln.