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Mittelbadische Presse, 22.08.2008:
Kampf
gegen Mücken wird teuer
Kommunen sollen 40 Prozent mehr für Schnakenbekämpfung
zahlen / Kehl weigert sich beharrlich
Die Rheingemeinden müssen in diesem Jahr
40 Prozent mehr für die Stechmückenbekämpfung zahlen
als veranschlagt war. Die Stadt Kehl wirft der Bekämpfungsgemeinschaft
Kabs Willkür vor.
Von Maria Benz
Es ist nicht gerade ein Traumsommer dieses Jahr:
Schwüle Hitze wechselt sich mit kräftigen Regenschauern ab.
Was vielen Menschen zu schaffen macht, ist für Stechmücken
ideal: "Das sind optimale Brutbedingungen für die Schnaken",
erklärt Norbert Becker, wissenschaftlicher Direktor der Kommunalen
Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (Kabs).
Die Rheingemeinden kommt das teuer zu stehen: 40 Prozent mehr sollen
sie in diesem Jahr für die Stechmückenbekämpfung zahlen.
In der Ortenau sind Friesenheim, Kappel-Grafenhausen, Kehl, Meißenheim,
Neuried, Rheinau, Rust und Schwanau betroffen.
Die meisten Kommunen zahlen die Mehrkosten anstandslos. Schließlich
bewahren sie die Aktionen vor einer Plage. "Es bleibt uns gar nichts
anderes übrig", erzählt die stellvertretende Hauptsamtsleiterin
von Friesenheim, Angelika Münz. "Ohne die Bekämpfung
würden uns die Leute an den Baggerseen davonlaufen." Für
die Gemeinde sei es deshalb selbstverständlich, die von der Kabs
geforderten 6000 Euro zusätzlich aufzubringen.
Auch in Meißenheim ist man froh um die Kabs: "Sie ist mehr
als unbezahlbar für uns", sagt die Meißenheimer Rechnungsamtsleiterin
Christa Maurer. 4000 Euro zusätzlich sei zwar viel Geld, "aber
es ist sinnvoll angewandt". Von der Wirkung der Bekämpfung
ist Christa Maurer überzeugt: "Es war früher unerträglich,
man konnte nicht einmal in den Garten gehen." In diesem Jahr habe
sie kaum Stechmücken gespürt.
Dies deckt sich mit den Erkenntnissen der Experten. "Die Reduktionsraten
liegen bei mehr als 95 Prozent, in manchen Gebieten sogar bei 99 Prozent",
erklärt Norbert Becker. Um so mehr wundere er sich über die
Reaktion von Kehl. Die Stadt weigere sich als einzige Ortenauer Kommune,
die Mehrkosten zu begleichen. "Das ist für uns nicht nachvollziehbar",
sagt Becker, zumal die Stadt als Poldergebiet 95 Prozent der Kosten
vom Land erstattet bekomme. Streitpunkt sei ein Betrag von 600 Euro.
"Wir sehen die Notwendigkeit der Bekämpfungsmaßnahmen
nicht als gegeben an", begründet der städtische Umweltbeauftragte
Siegfried Schneider die Reaktion. In Kehl sei kein erhöhtes Stechmücken-Aufkommen
spürbar - allerdings war die Kabs in diesem Jahr bereits mehrfach
in Kehl aktiv. "Und ob ein paar Schnaken mehr oder weniger rumrennen,
ist doch nicht spürbar", fügt er an.
Schneider glaubt jedoch, dass deutlich weniger Einsätze in Kehl
nötig gewesen wären, als die Kabs geleistet hat: "Wir
haben den Eindruck, dass man als Mitgliedskommune der Willkür der
Kabs ausgeliefert ist."
"Uns Willkür zu unterstellen ist nicht angebracht", ärgert
sich Becker und fügt hinzu: "Die Haltung der Kehler zeugt
von wenig Sachverstand." Bei der Berechnung der Kosten gehe die
Kabs von durchschnittlich vier Hochwasserspitzen aus. In diesem Jahr
habe es aber bereits zwölf Spitzen gegeben. "Die Mücken
legen ihre Eier in den Auen ab und nach jeder Überschwemmung schlüpfen
neue Larven", erklärt Norbert Becker, weshalb nach jedem Hochwasser
eine erneute Mückenbekämpfung nötig ist.
Dass Kehl eine Plage bevorsteht, ist dennoch unwahrscheinlich. "Die
Rheinschnaken müssen wir im Auftrag des Landes trotzdem bekämpfen",
erklärt Becker. Lenkt die Kehler Verwaltung nicht ein, werde die
Kabs der Stadt aber keine Tabletten mehr für die Bekämpfung
von stechenden Hausmücken bereitstellen. Diese können sich
dann ungestört in Tümpeln und Regentonnen vermehren.
HINTERGRUND
Biologische Schnakenbekämpfung
Die KABS bekämpft Stechmücken entlang
einer Strecke von etwa 300 Rhein-Kilometern zwischen Bingen und dem
Kaiserstuhl. 98 Kommunen sowie das Land Baden-Württemberg sind
in der KABS organisiert. Die Kosten tragen die Kommunen anteilig nach
Einwohnerzahl. In Poldergebieten zahlt das Land einen Teil.
Die KABS setzt mit dem Bacillus thuringiensis israelensis (Bti)
ein Bakterium ein, das Eiweiß produziert. Schnakenlarven fressen
das Eiweiß und sterben daran. Zur Bekämpfung der Rheinschnaken
wird in Eisgranulat gebundenes Bti per Hubschrauber abgeworfen. Gegen
stechende Hausmücken gibt es Bti in Tablettenform. Die Kommunen
können es gezielt in Brutstätten wie Regentonnen und Tümpeln
ausbringen. Andere Organismen werden von Bti nicht geschädigt.
mb
KOMMENTAR
Von Thomas Reizel
Armutszeugnis für Kehl
Die Argumentation der Stadt Kehl hat was: Sie ist nicht bereit, 600
Euro Mehrkosten für die Schnakenbekämpfung auszugeben. Alle
anderen betroffenen Gemeinden sind froh, dass die Plagegeister erfolgreich
bekämpft werden, und tragen ohne Murren die Mehrkosten, die gleich
in mehrere tausend Euro gehen. Nur die Große Kreisstadt, die so
gerne im großen Konzert auf europäischer Bühne mitspielt,
fühlt sich sogar der Willkür der Bekämpfungsgemeinschaft
"Kabs" ausgesetzt.
Die kleinen Gemeinen kommen nicht in den Genuss wie Kehl, dass das Land
95 Prozent der Kosten übernimmt. Kehl ist ein Poldergebiet, und
da muss das Land ran. Insofern wären die 600 Euro ein Klacks. Aber
die Stadt verlautbart, dass es ja egal ist, ob ein paar Schnaken mehr
oder weniger rumrennen. "Robby Rheinschnake", das Maskottchen
auf unserer sehr beliebten Kinderseite, jubelt da natürlich.
Dabei stellt sich die Stadt Kehl im Vergleich zu den anderen Gemeinden
ein Armutszeugnis aus. Oder ist sie noch so gebeutelt von den horrenden
Mehrkosten für die Passerelle des Deux Rives? 2006 hat Kehl zugesagt,
die Hälfte der 4,2 Millionen Euro-Mehrkosten zu übernehmen,
die andere Straßburg.
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