<<Leerzelle>>  

Die Rheinpfalz , 19.7.08

Schnakenbekämpfung sichert seit Jahrzehnten Lebensqualität
Aufwand nimmt als Folge von Klimaveränderungen von Jahr zu Jahr zu - Langfristig auch Seuchenvermeidung als Aufgabengebiet wahrscheinlich

Erneut Rekordeinsätze bei der Schnakenbekämpfung, verbunden mit einem Rekord-Kostenaufwand: So ähnlich wird wohl auch in diesem Jahr die Bilanz ausfallen, die bei der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (Kabs) am Ende der Bekämpfungssaison gezogen wird. Schon in den Jahren zuvor wurde der Bekämpfungsaufwand von Jahr zu Jahr größer. Diesen ständig steigenden Anforderungen als Folge der Klimaveränderungen der vergangenen Jahre ist die Organisation heute gewachsen, weil sie von mittlerweile Jahrzehnte langen Erfahrungen auf dem Gebiet der Schnakenbekämpfung zehren kann.

Viele Bewohner der Region zwischen Speyer und Ludwigshafen wissen noch, dass die Schnaken früher im Zeitraum von 15. April bis 15. September bekämpft wurden, weil sie in aller Regel nur in dieser Zeit auftraten. Die Tierchen brauchen eine Temperatur von etwa zehn Grad Celsius, um schlüpfen zu können. Die Änderung der klimatischen Bedingungen der vergangenen Jahre führt dazu, dass diese Temperatur früher erreicht wird und später im Jahr absinkt. Deshalb fangen die Schnakenbekämpfer heute schon im März mit ihrer Arbeit an und setzen sie bis in den Oktober hinein fort. Die höheren Temperaturen während des Sommers sorgen zudem für ein stärkeres Aufkommen und eine schnellere Entwicklung der Stechmücken. Auch bei den Waldschnaken, die bereits im Februar aus den Eiern schlüpfen, hat die Zahl der Generationen durch die Zunahme der lokal heftigen Niederschläge, verbunden mit Überschwemmungen, zugenommen. Der Einsatz von mehr Personal, mehr Material und mehr Hubschrauberflügen ist die kostentreibende Folge.
Die Menschen am Oberrhein sollen diese gravierenden Änderungen im Schnakenaufkommen kaum spüren. Eine eingespielte Organisation mit Jahrzehnte langer Erfahrung, qualifiziertes Personal und der Einsatz wissenschaftlicher Methoden sollen für einen überzeugenden Bekämpfungserfolg und gute Lebensbedingungen in den Gemeinden am Oberrhein sorgen. Doch das war nicht immer so.
Jahrhundertelang hatten die Menschen am Rhein unter den Stichen unzähliger Schnaken zu leiden, die oft zu einer kaum zu ertragenden Plage wurden und den Menschen das Leben schwer machten, bei der Arbeit in der Landwirtschaft und im Handwerk ebenso wie in den Häusern und Gärten. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts wurde in unserer Gegend ein erster Versuch gemacht, dieser Plage zu begegnen. Man gründete eine Vereinigung mit Sitz in Mannheim, bemühte sich um Wissen über die Lebensweise und das Vorkommen der Schnaken und wollte die Bevölkerung darüber informieren. Man bekämpfte die Schnaken auch mit einem Erdöldestillat, das auf die Wasserflächen aufgetragen wurde - erfolglos und mit hohen Kosten. Die Weltkriege setzten dann einen Schlusspunkt hinter diese Bemühungen.
Die Schnakenplagen blieben nach wie vor unerträglich. 1975 ergriff der damalige Landrat des Kreises Ludwigshafen, Dr. Paul Schädler, die Initiative zum Versuch einer Änderung der Situation. Unter seiner Leitung wurde Anfang 1976 die Kabs gegründet, mit 20 Gemeinden aus dem Rhein-Neckar-Raum. Heute sind es 97 Mitglieder am Oberrhein, vom Kaiserstuhl bis in den Rheingau, die sich der Verbesserung der Lebensverhältnisse für ihre Bürger verschrieben haben.
Das Kürzel Kabs ist für die meisten Bewohner der Region heute geläufig. Sie ist zu einer schlagkräftigen Organisation geworden, in der 36 Biologen fest beschäftigt sind und während der Bekämpfungssaison einige 100 Saisonkräfte. Zwei bis drei Hubschrauber ergänzen die Arbeit der Mannschaft. Für die Hubschrauber gibt es ein eigens von der Kabs entwickeltes computergestütztes Programm, das den exakten Einsatz steuert.
Die Hubschraubereinsätze spielen für den Gesamterfolg eine wesentliche Rolle. Einmal werden aus der Luft alle Landschaftsteile erfasst, die zu Fuß nicht zu erreichen sind. Weiter wäre die Gesamtbrutfläche von 60.000 Hektar ansonsten nur mit einem immensen Personalaufwand zu bekämpfen. Die Hubschrauber bearbeiten etwa zwei Drittel der jeweils zu bekämpfenden Fläche.
Ein echter Meilenstein zur effektiven Hubschrauberbekämpfung war die Entwicklung des Eisgranulats, in dem der Bekämpfungsstoff Bti ausgebracht wird. Der Wissenschaftliche Direktor der Kabs, Dr. Norbert Becker, hat es entwickelt und das Patent erworben. Das Eis hat den Vorteil, an der Wasseroberfläche zu bleiben und dort zu schmelzen. Das Bti wird frei und sinkt nach unten, wo die auftauchenden Larven es fressen. Dieses Eismaterial wird in einem schwierigen Produktionsprozess hergestellt, in Kühlhäusern gelagert und mit Kühllastern zu den Landeplätzen der Hubschrauber, nah am jeweiligen Bekämpfungsgebiet, gefahren. Im Winter muss auf Vorrat produziert und in Kühlhäusern gelagert werden. Die Produktionsanlagen der Firma "Icybac - Mosquitocontrol GmbH" befinden sich in Speyer. Die Erfindung dieses Eisgranulats und seine Anwendung ersparen der Kabs Bekämpfungskosten in erheblichem Umfang.
Der hauptsächliche Einsatzbereich für die Schnakenbekämpfung sind der Rhein und die Altrheinarme mit ihren Überschwemmungs- und Druckwasserflächen in den Rheinauen und den Auwäldern, aber auch die von der Haardt kommenden Bäche, die ebenfalls ab und zu über die Ufer treten und Überschwemmungsflächen bilden. Hier werden die Wiesen- und Auwaldmücken bekämpft, deren biologischer Name "Aedes vexans" vielen Bewohnern der Rheingemeinden geläufig ist. Mehr als 100 Eier kann ein Weibchen in einem Vorgang in den trockenen Sand legen, der vorher schon einmal überschwemmt war, bei günstigen Bedingungen schafft es dies sogar mehrmals.
Wenn der Sand inzwischen durch Regen oder Hochwasser wieder überschwemmt ist und die Eier im Wasser liegen, macht sich schon der Nachwuchs auf den Weg. Larven schlüpfen aus den Eiern, streben an die Wasseroberfläche, wobei sie Nahrung zu sich nehmen, sich verpuppen, und nach etwa einer Woche ist die nächste Generation der Stechmückenweibchen schon auf dem Weg, um Blut zu holen und uns zu piesacken.
Diese Stechmückenart belästigt uns im Garten und auf dem Balkon, während die Hausschnake - Culex pipiens - uns im Schlafzimmer besucht. Sie kommt aus den Wasserfässern beim Haus und im Garten, aus den Teichen (wenn keine Fische oder andere Fressfeinde vorhanden sind) und aus kleinen Wasseransammlungen (zum Beispiel im Untersetzer unter einem Blumentopf). Insbesondere Aedes vexans kann auf der Suche nach Blut weite Strecken zurücklegen, weit über zehn Kilometer. Die Waldschnake dagegen belästigt nur die Anwohner in der nächsten Umgebung.
Der Satzungszweck der Kabs, die Menschen in den Rheinauen vor Belästigungen oder Plagen durch die Schnaken zu schützen und damit ihre Lebensqualität deutlich zu verbessern, ist erfüllt. Wichtigste Voraussetzung war dabei von Anfang an, dass Natur und Umwelt zu schützen sind und nur die Stechmücken selbst getroffen werden dürfen. Dies erreicht man heute durch den Einsatz von Bti, einem von Professor Margalit an der Ben-Gurion-Universität in Israel entdeckten Bazillus, der Eiweißkristalle bildet, die außer den Schnakenlarven nur noch die Larven der lästigen Kriebelmücke abtöten. Der Bazillus trägt den Namen Bti (Bacillus thuringiensis israelensis). Für die verschiedenen Mückenarten und Gegebenheiten wird der Grundstoff Bti zu verschiedenen Formulierungen verarbeitet, unter anderem Puder- oder Flüssigkeitskonzentraten.
Die Erfolgsquote bei der Schnakenbekämpfung liegt - je nach den Bedingungen - zwischen 90 und 98 Prozent. Wenn die Wetterbedingungen besonders ungünstig sind und die Stechmückenpopulation besonders hoch ist, dann bleiben durchaus einige Lästlinge übrig. Aber das alles führt nur zu geringfügigen Belästigungen im Vergleich zu den Jahren vor der Schnakenbekämpfung - oder im Vergleich zu der Belästigung, wie sie wäre, wenn die Schnakenbekämpfung wieder eingestellt würde.
Die Gemeinden und Städte als Mitglieder der Kabs finanzieren die Schnakenbekämpfung über einen jährlichen Beitrag, der nach der Einwohnerzahl gestaffelt ist. Die Bürgermeister haben auch dafür gesorgt, dass die seit Jahren sprunghaft steigenden Kosten von den Gemeinden übernommen werden, im Interesse ihrer Bürger. Mit dem Eindringen von fremdartigen Stechmücken aus fernen Gebieten durch Tourismus und Globalisierung könnte es langfristig auch zur Aufgabe der Kabs werden, zur Vermeidung von Seuchen beizutragen. Dann allerdings kann die Finanzierung nicht länger eine rein kommunale Angelegenheit bleiben.


DER AUTOR
Paul Glaser war lange Jahre Dezernent und Verwaltungsdirektor bei der Kreisverwaltung Ludwigshafen. Er konnte die Überlegungen zur Schnakenbekämpfung, die Gründung und den Ausbau der Kabs dort verfolgen. Nach seiner Pensionierung arbeitete er als Verwaltungsdirektor der Kabs und heute der GFS.

HAUSSCHNAKE
Sie entwickelt sich in unmittelbarer Nähe der Häuser in Wasserfässern, Teichen und oft sehr kleinen Wasseransammlungen. Die Mücke dringt besonders in die Häuser ein. Die Kabs gibt Tipps für die Vermeidung dieser Belästigungen in der Broschüre "Klatsch", die bei den Gemeinden unentgeltlich zu haben ist. Ebenso unentgeltlich bei den Gemeinden gibt es die Culinex-Tabletten für die Wasserfässer.

NEUE AUFGABEN AUS FERNEN LÄNDERN
Eine neue Aufgabe kommt in jüngster Zeit auf die Schnakenbekämpfer durch die milde Witterung zu und durch die Tatsache, dass es Urlauber und Händler immer mehr in heiße, subtropische Gebiete führt, in denen Stechmücken vorkommen, die in unserer Gegend bisher unbekannt waren. Kleine Wassermengen, zum Beispiel in einem mitgeführten Autoreifen, genügen, um Mücken wie den schon zu einer gewissen Berühmtheit gelangten "Asiatischen Tigermoskito" - Aedes albopictus - einzuschleppen. Es ist der gefährlichste Überträger von human-pathogenen Viren, bekannt beispielsweise als Gelbfiebervirus, West- Nil-Virus und Chikungunya-Virus. Der asiatische Tigermoskito stammt aus Südostasien, wo man seine Eier auch in kleinsten Wasseransammlungen findet. In den vergangenen Jahrzehnten hat er sich stark verbreitet und kommt nun in Afrika, Amerika und Südeuropa vor, auch in gemäßigt warmen Regionen wie im Raum Ravenna und mittlerweile auch in Südwestdeutschland. Zu erkennen ist das Insekt an weißen Streifen an Brust, Beinen und Hinterteil auf einer schwarzen Färbung, die ihm den volkstümlichen Namen gegeben hat. Die Kabs überwacht die Verbreitung durch regelmäßige Kontrollen.

Die Kabs - Quälgeister-Jäger mit Rekordgarantie

DATEN UND FAKTEN
Alle Einrichtungen der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Schnakenbekämpfung (Kabs) sind im Raum Speyer zu finden. Die Geschäftsstelle und die Labors sind in Waldsee im Rathaus untergebracht. Von dort gehen alle Entscheidungen aus, dort arbeiten die Biologen im Labor und dort werden Finanz- und Personalentscheidungen getroffen.
Die Leitung liegt seit der Gründung in den Händen von Dr. Paul Schädler als Präsident. Von ihm ging die Initiative zur Gründung aus. Ebenfalls seit Beginn leitet Dr. Norbert Becker als Wissenschaftlicher Direktor den biologischen Teil des Vereins. Er hat die Bekämpfungsorganisation aufgebaut, die Mittel und Methoden der Einsätze entwickelt. Die Firma "Icybac" hat ihren Sitz in Speyer. Dort wird das Eisgranulat hergestellt, auf Vorrat gehalten und in Spezialfahrzeugen zu den Einsätzen im gesamten Oberrheingebiet gebracht. Geschäftsführer sind Dr. Paul Schädler und Diplom-Kaufmann Jochen Gubener.
Die Gesellschaft zur Förderung der Stechmückenbekämpfung (GFS) hat ihren Sitz in Waldsee. Sie betreibt international Forschung und Entwicklung der Einsatzmethoden und spielt am Oberrhein eine wichtige Rolle in der Erforschung der Einwanderung und der Überlebensmöglichkeiten von Stechmücken, die aus dem Süden eingeschleppt wurden. Sie entwickelt zusammen mit der Kabs Bekämpfungsmöglichkeiten.
Die GFS finanziert sich aus Spenden, projektbezogenen Zuschüssen und Mitgliedsbeiträgen. Präsident des gemeinnützigen Vereins ist Dr. Paul Schädler, Wissenschaftlicher Direktor Dr. Norbert Becker und Verwaltungsdirektor Paul Glaser.



 

 

 
{Navigation}