| Esslinger Zeitung, 14.05.2008
Ein ideales Mückenjahr- Außergewöhnliche
Wärme nach nassem Frühling gefällt den Quälgeistern
- Hausmücken übernehmen im Sommer das Regiment
Ein nasses Frühjahr und jetzt viel Sonne und Wärme: Das Wetter
ist bislang ideal für Mücken gewesen, deren erste Generation
derzeit über Spaziergänger im Wald herfällt.
Das Ei-Potenzial von Stechmücken wurde in
diesem Jahr zu 100 Prozent realisiert", sagt Mückenforscher
Werner Mohrig von der Universität Greifswald: "Das ist selten."
Dass es auch mehr Hausmücken geben wird, die in lauen Sommernächten
in Schlafzimmern auf Beutezug gehen, ist aber eher unwahrscheinlich.
"Diese Plagegeister sind nicht so wetterabhängig, und es gibt
jedes Jahr ungefähr die gleiche Population", sagt der emeritierte
Professor.
Den derzeit nervenden Quälgeistern geht es in jedem Fall besonders
gut. Frank Menzel vom Deutschen Entomologischen Institut rechnet ebenfalls
mit einem überdurchschnittlichen Mückenjahr. Es sei ideal
für die Insekten, dass es nach der Überschwemmung potentieller
Brutplätze nun so warm geworden sei. "Die klimatischen Bedingungen
stimmen jetzt", sagt der Forscher. Die Entwicklung der Larven,
die zwei bis drei Wochen dauere, verläuft bei einer Wassertemperatur
von mehr als 15 Grad besonders schnell. Nach einer drei bis vier Tage
dauernden Verpuppung schlüpfen die Quälgeister.
Die Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage
am Oberrhein (KABS) hat in diesem Jahr schon halb so viele Hubschrauber-Einsätze
zur biologischen Bekämpfung der Larven geflogen wie im gesamten
Vorjahr, wie Mückenexperte Norbert Becker sagt.
Frostgeschützt bis minus 40 Grad
"Sie brauchen Wasser und Wärme", erklärt Becker.
Dabei spielt es entgegen einer weit verbreiteten Vorstellung zufolge
keine Rolle, ob der Winter mild oder besonders kalt war. Die Weibchen
der Wald- und Wiesenmücke (Überschwemmungsmücke) legen
im Sommer oder Herbst des Vorjahres ihre Eier auf feuchtem Boden, die
laut Becker bis zu minus 40 Grad Frost und lange Trockenperioden aushalten
können. Die Hausmücken überwintern in frostgeschützten
Kellern oder Stollen. Mohrig erläutert, dass von den derzeit nervenden
Arten der Waldmücken pro Jahr nur eine Generation schlüpft.
Die Wiesenmücken können bis zu drei Generationen im Sommer
hervorbringen, wenn es nass genug ist. In ihrem bis zu drei Monate währenden
Leben holen sich die Weibchen durchschnittlich drei Blutmahlzeiten,
die für jeweils 200 bis 250 Eier reicht. "Das kann man dann
hochrechnen", sagt der Mückenforscher. Biologische Hausmittelchen
gegen die Plage kennt auch der erfahrene Forscher nicht: "Da hilft
nur Autan." Becker weist darauf hin, dass aber auch eine Mischung
ätherischer Öle gelegentlich hilft.
Im Sommer übernehmen dann meist die Hausmücken das Regiment,
die 200 bis 300 Eier auf "Eischiffchen " ablegen, gern in
Regentonnen oder auf Gartenteichen. "Die fliegen aktiv die Wohnungen
zum Stechen an", erläutert Mohrig. Von diesen Insekten, die
drei Wochen alt werden, gebe es so viele Generationen, wie es das Wetter
im Sommer und Frühherbst zulasse. Becker von der KABS hat beobachtet,
dass die Klimaveränderung bereits Auswirkungen auf die Mückenpopulation
hat. "Vor gut einem Jahrzehnt wurde die Winterruhe im April gebrochen,
heute bereits im März." Und langsam werden in Deutschland
auch Arten heimisch, die durch das wärmere Klima in ihrer Entwicklung
begünstigt werden - wie die Asiatische Tigermücke.
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