<<Leerzelle>>  

Badische Zeitung, 23.4.08


Sirrende Blutsauger
Die Menschen am Rhein leben schon immer mit den Schnaken. Meist sind die Tiere nur lästig, selten gefährlich.

Die Stechmücken im Rheinwald werden seit Jahrzehnten gezielt bekämpft. Totzukriegen sind die Quälgeister trotzdem nicht. Jetzt droht neues Unheil: Die asiatische Tigermücke ist drauf und dran, in Südbaden heimisch zu werden. Das Insekt kann gefährliche Krankheiten übertragen. Kein Grund zur Panik, sagen Experten, Angst müsse man keine haben. Respekt schon.

Es ist gar nicht mal so lange her. 30 Jahre etwa. Damals, erzählt der Fischer, sind die Leute immer nur mit langen Ärmeln in den Wald, mit Gummistiefeln und Mützen und Hemden, die bis obenhin zugeknöpft waren. Im Hochsommer. "Man hat es sonst nicht ausgehalten", sagt Balthasar Ehret. "Ohne Autan ging sowieso nichts." Um 19 Uhr, wenn es Abend wurde, verkrochen sich die Menschen in ihren Häusern. Dann kamen die Schnaken. Sie schwirrten durch die Luft, zu Tausenden und Abertausenden, auf der Jagd nach frischem Blut. Die Menschen in Süddeutschland sagen Schnaken zu den Tieren, aber der Begriff ist falsch, biologisch gesehen. Schnaken, echte Schnaken, stechen gar nicht. Den Leuten am Rhein ist das egal. Eine Stechmücke ist eine Schnake. Punkt. Und nervt.
Man hatte sich mit den Quälgeistern arrangiert, notgedrungen. "Fragen sie jemanden, der im Hochwassergebiet wohnt", sagt Ehret. "Der hat sich auch daran gewöhnt, dass das Wasser ab und zu etwas höher steht." Die Fischerei liegt bei ihm in der Familie. Ein Jahr war Klein-Balthasar alt, als der Vater ihn zum ersten Mal auf den Rhein mitnahm, auf die Suche nach Zander, Barsch und Rotauge. Er lernte, mit den Stechmücken zu leben. So wie alle.
Der Sommer 1975 war der Knackpunkt. Nach einem besonders schlimmen Schnakenjahr schlossen sich mehrere Gemeinden zusammen und gründeten die KABS, die Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage. Die hat heute 30 hauptamtliche Angestellte, drei Hubschrauber, einen Jahresetat von 2,4 Millionen Euro und 98 Mitglieder in drei Bundesländern - das Regierungspräsidium in Freiburg ist genauso dabei wie die Gemeinden Weisweil, Wyhl, Rheinhausen und Sasbach. Die zahlen, je nach Einwohnerzahl, mehrere Tausend Euro im Jahr, die KABS legt dafür tonnenweise Präparate aus - mit Bakterien, die ein Fraßgift für die Mückenlarven produzieren. Die Schnakenplage, erzählen Rhein-Anwohner, konnte so um 90 Prozent reduziert werden.
Die Mücken nerven nicht nur, sie können auch Krankheiten übertragen - früher war die Anopheles-Mücke ein gefährlicher Malaria-Überträger. Jetzt ist ein neuer Unheilbringer am Horizont aufgetaucht: Die asiatische Tigermücke. Die lebt eigentlich in den Tropen,ist aber auch schon in Norditalien aufgetaucht und hat dort mehrere Hundert Menschen mit dem Chikungunya-Fieber infiziert. Symptome: Fieber, Hautausschlag, Gelenkschmerzen. Das Fieber klingt nach ein, zwei Wochen von selbst wieder ab. Meistens jedenfalls: In Italien starb ein älterer Mann.
Die Tigermücke kann aber auch das Dengue-Fieber übertragen, eine Infektionskrankheit, die momentan vor allem in den Elendsvierteln von Großstädten in Asien, Lateinamerika und Afrika zum Problem wird. Beide Krankheiten kommen in Europa normalerweise nicht vor - durch Fernreisen mit dem Flugzeug steigt jedoch die Gefahr. In Norditalien war es ein indischer Tourist, der das Virus eingeschleppt hat.
Die asiatische Tigermücke hat einige unangenehme Eigenschaften. Sie ist ungeheuer widerstandsfähig und sticht auch tagsüber - gerne auch mal mehrere Wirte hintereinander. Menschen und Hunde, Ratten und Katzen. Eigentlich kommt sie aus Südostasien, aber durch Klimawandel und Globalisierung ist die Welt kleiner geworden. Jetzt drängt das Insekt über die Alpen.
Bei einem Rastplatz bei Weil am Rhein fanden Wissenschaftler Eier des Blutsaugers. Norbert Becker, der wissenschaftliche Direktor der KABS, hält es für realistisch, dass sich das Insekt in Südbaden einnistet. "Die Chance ist groß", sagt er. "Der Oberrhein ist ein Hochrisikogebiet." Das läge an der hohen Durchschnittstemperatur - und die würde nicht niedriger. "Wir müssen das im Auge behalten", sagt er.
Bis Ende April findet ein so genanntes Monitoring statt. Beckers Leute haben Dutzende von "Eiablagefallen" verteilt: Kleine schwarze Behälter, in denen die Mücken ihre Eier ablegen können - so ein Kasten war es auch, in dem die Wissenschaftler bei Weil am Rhein fündig wurden. "Man darf auf keinen Fall schlafen und warten, bis das Tier sich hier angesiedelt hat", sagt Becker.
Angst müsse man nicht haben, auch nicht bei einem Ausflug in den Rheinwald. Nur Respekt. "In Mitteleuropa", sagt Becker, "sind die Stechmücken meistens nur eines: Lästig."


"Man muss das Risiko ernst nehmen"
"Ökologische Flutungen" könnten für Stechmücken ein Standortvorteil sein. Der asiatischen Tigermücke ist das ziemlich egal - sie brütet woanders

Integriertes Rheinprogramm - für manche Menschen ist das ein Reizwort. Neu geschaffene Überflutungsflächen sollen die Hochwassergefahr verringern, mit "ökologischen Flutungen" soll die Landschaft an die plötzlichen Wassermassen gewöhnt werden. Das Projekt steht in der Kritik: In Wyhl und Weisweil hat sich zum Beispiel eine Bürgerinitiative gegründet. Die Mitglieder fürchten, dass der Rheinwald so zerstört wird, sie fürchten, dass Touristen wegbleiben - und sie fürchten eine neue Schnakenplage.
Die Insekten brauchen vor allem zwei Dinge zum Brüten: Warmes Wetter und Wasser. Für ersteres sorgt der Klimawandel, für letzteres die ökologischen Flutungen. "Da steigt der Grundwasserspiegel", sagt Wyhls Bürgermeister Joachim Ruth, "und es entstehen Tümpel. Auf Deutsch: Wir kriegen das, was wir vor der Rheinbegradigung hatten: Ein Sumpfgebiet."
Jetzt haben die Kommunalpolitiker am Rhein die Tigermücke für sich entdeckt, sie jonglieren mit Begriffen wie Dengue-Fieber und Chikungunya-Virus. Tatsächlich sind die Flutungen dieser speziellen Mückenart ziemlich egal: Sie brütet lieber in weggeworfenen Autoreifen, in alten Brunnen und Zisternen. Im Überschwemmungsgebiet lassen sich eher andere, einheimische Arten nieder. Die, heißt es im Freiburger Regierungspräsidium, würden dann auch direkt an Ort und Stelle bekämpft; die Kosten für die Aktion würde die Behörde übernehmen.
Die Kritiker lassen sich davon nicht beruhigen. Mittlerweile ist sogar Malaria wieder in der Diskussion, das Sumpffieber, eine Krankheit, die in Deutschland eigentlich seit 50 Jahren ausgerottet ist. "Man muss das Risiko ernst nehmen", sagt Schnaken-Bekämpfer Norbert Becker.
Tropische Krankheiten werden auch in Mitteleuropa mehr und mehr zum Problem. 568 Malaria-Fälle wurden im Jahr 2006 in Deutschland bekannt. 90 Prozent der Kranken, sagt das Robert-Koch-Institut in Berlin, kamen direkt aus Afrika. Mediziner sprechen von der "Flughafen-Malaria". Eine Epidemie in Deutschland hält Becker dennoch für extrem unwahrscheinlich - wegen des hohen Hygienestandards.



 

 

 
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