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Bergsträsser Anzeiger, 11.1.2008:
Eisperlen töten Stechmücken
BERGSTRASSE. Es riecht nach Tütensuppe,
aus zwei Tanks laufen Rohre in einen Nachbarraum und an der Decke hängen
Blumenkästen, die mit medizinischen Kanülen bestückt
sind. Hier, bei der Speyerer Firma "Icybac" wird der mikrobiologische
Kampfstoff für die Kommunale Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung
der Schnakenplage (KABS) hergestellt, bei der auch die Bergstraßen-Kommunen
Biblis, Bürstadt und Lampertheim Mitglied sind. "Das sieht
nicht nach High-Tech aus, aber genau das steckt dahinter", sagt
Icybac-Geschäftsführer und KABS-Präsident Dr. Paul Schädler
und deutet auf die gestapelten blauen Fässer mit der Aufschrift
"Vecto-bac".
Darin liegt ein Granulat, das ein bisschen wie Instantbrühe aussieht
und genauso riecht. Die braunen Körnchen stellt "Abbott"
in Chicago für die Firma her. Dort werde der "Bacillus thuringiensis
israelensis" in einer sterilen Nährbrühe angesetzt und
bei warmen 28 Grad zwei Tage lang zum Wachsen gebracht. Wenn die Suppe
aufgebraucht ist, merke das Bakterium, dass sich der Lebensraum zu seinem
Nachteil verändert und beginne mit der Produktion von Sporen, die
sein Überleben sichern. "Dabei wird das Eiweißkristall
gebildet, das im Darm von Schnaken verheerende Schäden anrichtet
und von anderen Tieren wie normales Hühnereiweiß verdaut
wird", erklärt Biologe Dr. Norbert Becker, wissenschaftlicher
Direktor bei Icybac und KABS. Dabei zeigt er auf die beiden 1000-Liter-Tanks,
in denen 625 Liter Wasser mit 25 Kilo Granulat angesetzt wird. Über
Pumpen fließt das Gemisch zur Eismaschine in der Produktionshalle.
Hier tropft die Masse durch handelsübliche medizinische Kanülen
in flüssigen Stickstoff und wird bei minus 192 Grad schockgefroren,
um die Eisperlen zu erzeugen. "Aus einem Tank mit Wasser-Granulat-Gemisch
gewinnen wir 650 Kilo Eis", berichtet Becker.
Gelagert werden die braunen Minikugeln bei minus 18 Grad. Ihnen verdanke
die GmbH auch ihren Namen. So stehe "Icy" für eisig und
"bac" für "Bakterien". "Etwa 250 Tonnen
haben wir 2007 bei der Schnakenbekämpfung zwischen Basel und Bingen
ausgebracht", berichtet Paul Schädler. Dabei sei das Granulat
sehr ergiebig, nur 600 Gramm benötigt man für einen Hektar.
So wird das in Eis verpackte B.t.i. aus der Luft per Hubschrauber in
den gefährdeten Gebieten verteilt. Zwei Helikopter und fünf
Kühl-Lkw sind für die Icybac während der Hochphasen im
Sommer im Einsatz. Dann wird rund um die Uhr produziert. Zudem stelle
man im Firmendepot jährlich etwa zwei Millionen Tabletten her,
die in den KABS-Mitgliedsgemeinden kostenlos verteilt werden. So sei
die KABS - die 2007 rund 750 000 Euro für B.t.i. ausgegeben hat
- auch der größte Abnehmer des Bio-Kampfstoffherstellers.
Aber auch Gemeinden am Chiemsee, im Piemont und an der Donau gehören
laut Becker zu den Kunden. Dort übernehme man im Auftrag der Kommunen
die Bekämpfung. "Die Produktion für 2008 ist jetzt angelaufen",
sagt Schädler und zeigt aufgefüllte Bottiche mit gefrorenen
braunen Perlen. Denn schon im Monat März rechnet Schädler
mit den ersten Einsätzen der Schnakenbekämpfer. HINTERGRUND:
o Der Bacillus thuringiensis israelensis (B.t.i.) wurde 1976
von Prof. Yoel Margalith von der Ben Gurion Universität in Israel
entdeckt. Er hatte ihn in toten Mückenlarven isoliert, die in der
Negev-Wüste entdeckt wurden. o Die Kommunale Arbeitsgemeinschaft
zur Bekämpfung der Schnakenplage e.V. (KABS) ist ein Verband mit
Sitz in Waldsee, der im Jahr 1976 gegründet wurde und dem 98 Körperschaften
(Städte, Gemeinden, Landkreise sowie das Land Baden-Württemberg)
entlang des Oberrheins angehören und die gemeinsam die Stechmücken
im Rheingebiet bekämpfen.
Die Mitarbeiter der KABS führen die biologische Stechmückenbekämpfung
auf einer Strecke von zirka 300 Rhein-Kilometern zwischen Bingen und
Offenburg auf einer Fläche von etwa 6000 Quadratkilometern durch.
Dabei kommen ausschließlich die vom Bacillus thuringiensis israelensis
(BTI) gebildeten Proteine zum Einsatz. o Die Kommunale Arbeitsgemeinschaft
zur Bekämpfung der Schnakenplage (KABS) hat 1978 angefangen, B.t.i.
in der Praxis einzusetzen. o Das Unternehmen "Icybac Mosquitocontrol
GmbH" wurde 1997 in Speyer gegründet und im Jahr 2000 von
der KABS übernommen. Sie ist eine GmbH (Gesellschaft mit beschränkter
Haftung), die nur mit dem Gesellschaftsvermögen haftet. o Es gibt
noch andere Bakterien, die Eiweiße produzieren, die bestimmte
Insektenarten abtöten. So ist der Bacillus thuringiensis kurstaki
für den Tod von Kartoffelkäfern verantwortlich. Die KABS sucht
deshalb weltweit nach Arten, die auch Schnecken biologisch vernichten
können.
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