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Schwetzinger Zeitung, 16.10.2007:
Klimawandel bringt auch Konsequenzen
für Schnaken"
KABS warnt: Hochwasser ohne Atempause
hat Folgen / Interview mit dem Verwaltungsdirektor Hans Wirnshofer
Ketsch. Sitzt man im Sommer gemütlich auf
der Terrasse oder im Biergarten im rheinnahen Ketsch, dann gehören
diese Stunden der Muse zur Lebensqualität, welche die Gemeinde
auszeichnen. Schließlich lebt es sich in den Rheinauen fast schon
wie in mediterranen Gefilden - gemessen an den Temperaturen und der
Luftfeuchtigkeit in der Enderlegemeinde.
Ein Szenario, das aber auch seinen Preis hat.
Lebensqualität auf der einen, Umweltarbeit auf der anderen Seite
- die "Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage"
(KABS) setzt sich seit rund 30 Jahren für die Reduzierung der Schnakenpopulation
ein. Denn ohne die plagenden Geister mit dem Blutshunger lässt
sich schlicht die Freizeit gemütlicher gestalten. Das war nicht
immer so, wie sich Bürgermeister i. R. Hans Wirnshofer erinnert.
Herr Wirnshofer, Sie gelten als ein Mann der
ersten Stunde der KABS?
WIRNSHOFER: Ja, das stimmt. Als die KABS am 11. März 1976 in Philippsburg
gegründet wurde, gehörten ihr 20 Städte, Gemeinden und
Landkreise an. Mit von der Partie war damals bereits Ketsch mit Bürgermeister
Ferdinand Schmid. Auch er hatte die Zeiten noch erlebt, wo wir - ich
und sieben oder acht Leute vom Bauhof - mit Pumpen auf dem Rücken
in den Rheinwald gegangen sind, um Schnakenbekämpfungsmittel zu
sprühen.
Die Methoden waren also von Beginn an von persönlichem
Einsatz geprägt?
WIRNSHOFER: Genau. Schon vierzig Jahre vor der Aktionsgemeinschaft wurde
die Bekämpfung der Schnakenplage für notwendig gehalten. Die
Menschen haben schon immer unter den Insekten gelitten, aber erst seit
rund 100 Jahren hat man das nötige Wissen, wie man Gegenmaßnahmen
einleiten kann.
Welche Mittel kamen zum Einsatz? Was befand sich
im Kanister auf Ihren Rücken?
WIRNSHOFER: Nun, in den 30er-Jahren benutzte man Schnakensaprol oder
DTT, in den 70er-Jahren hat man dann mit dem an der Uni Heidelberg entwickelten
Liparol einen Oberflächenfilm auf den Laichflächen der Schnaken
aufgebracht, der die Puppen erstickte. Das war jedoch ein recht teures
Produkt. Daher setzte die KABS auf die eigene Forschung und konnte mit
dem Bakterium BTI neue Erfolge erzielen. Denn nun wurden nicht mehr
auch andere Insekten in Mitleidenschaft gezogen, sondern ausschließlich
die Mückenlarven getötet.
Das hört sich aber dennoch nach einer Sisyphosarbeit
an.
WIRNSHOFER: Nicht ganz, denn heute setzen wir auf technische Unterstützung.
Bei Hochwasser dient uns der Pegel Speyer als Indiz für den Einsatz.
Ist dort die 4,50 Meter-Marke erreicht, muss eine Kontrolle auf Larvenbesatz
an den uns bekannten Brutstellen erfolgen. Das ist nach wie vor Hand-
oder vielmehr Fußarbeit. Danach wird entschieden, ob die Fläche
vom Boden oder aus der Luft behandelt wird. Hubschrauber setzen wir
dann ein, wenn die Flächen groß und in unbegehbarem Gelände
sind - dann beispielsweise, wenn es sich um Flächen handelt, auf
denen ökologische Besonderheiten wie trittempfindliche Orchideen
wachsen. Am Abend vor dem Einsatz werden die Flächen dem Piloten
via PC übermittelt, der kann dann das Eisgranulat direkt und gezielt
ausbringen.
Eisgranulat? Was ist darin enthalten?
WIRNSHOFER: Die so genannte B.t.i.-Methode setzt ein Eiweißkristall
ein, welches ein Protoxin enthält. Wenn die Larven dieses Protoxin
aufnehmen, zerstört es deren Darmmilieu. Dieses Protein wird in
wenige Millimeter große Eisperlen gebunden, die auch durch eine
starke Vegetation rieseln können.
Aber auch zu Fuß sind heute noch Menschen
unterwegs?
WIRNSHOFER: Ja, die Rückenspritze kommt noch immer zum Einsatz.
Aber auch die Nachkontrollen werden zu Fuß erledigt. Eine Woche
nach der Ausbringung gibt es eine "Anflugzählung". Das
bedeutet, dass Mitarbeiter im Ortszentrum sowie am Ortsrand die Mücken
zählen, die in der Dämmerung auf der Haut landen.
Eine Aufgabe mit ganzem Körpereinsatz also?
WIRNSHOFER: Für diese Kontrolle bedarf es tatsächlich der
großen Motivation jedes einzelnen Mitarbeiters.
In den vergangenen 30 Jahren hat die KABS damit
für die Menschen in Ketsch und im gesamten Rheinsiedlungsgebiet
große Erfolge erzielt.
WIRNSHOFER: Das stimmt. In den 31 Jahren seit ihrer Gründung hat
die Gemeinschaft 92 Vollmitglieder und vier Fördermitglieder an
einen Tisch bringen können. Diese Größe hatte bei der
Gründung selbst niemand vorhersehen können. Sie zeigt uns
aber, wie wichtig das Thema ist. Denn eines muss klar sein: Mit der
Veränderung des Klimas weltweit verändert sich auch die Belastung
durch die Stechmücken in unserer Region. Nicht nur dass Gefahr
besteht, dass auch weniger ungefährliche Schnaken hier siedeln
- auch die Zahl wächst zunehmend.
Wie kommt das?
WIRNSHOFER: Die Rheinebene ist geprägt von Überschwemmungen.
Doch im Vergleich zu früher ist ihre Zahl größer geworden,
die Abstände zwischen den einzelnen Hochwasserständen sinken
rapide. Dazwischen jedoch kann das Wasser schneller wegtrocknen - bedingt
durch die höheren Temperaturen. Die höhere Wassertemperatur,
die damit einhergeht, beschleunigt auch den Stoffwechsel der Larven
- sie reifen schneller heran. Ein Pluspunkt natürlich auch für
Mückenarten wie den Tigermoskito, der inzwischen schon in der Schweiz
gesichtet wurde. Insekten wie dieses sind wesentlich aggressiver als
unsere Rheinschnaken.
Soll das bedeuten, die KABS hat schlechte Nachrichten
für die Rheinanwohner?
WIRNSHOFER: Als Verwaltungsdirektor der KABS kann ich tatsächlich
nur schlechte Nachrichten überbringen. Während die Population
der Schnaken zunimmt, schrumpfen unsere Rücklagen. Bereits im Jahr
2006 mussten wir die Umlage für die Mitglieder erhöhen. Gleich
13 Hochwasserspitzen hatten im Jahr 2006 unsere Rücklagen von 375
000 Euro aufgebraucht. In diesem Jahr hatten wir ebenfalls ein permanentes
Hochwasser, das hat uns ein Minus von 100 000 Euro im Haushalt beschert.
Hat dies auch für Ketsch Konsequenzen?
WIRNSHOFER: Nun, die Kosten werden auf die Mitglieder der KABS nach
Größe der Kommune verteilt. Für Ketsch bedeutete dies
in der Vergangenheit rund 18 000 Euro Kosten pro Jahr. Immerhin: nur
1,50 Euro pro Einwohner für einen Gewinn an Lebensqualität.
Inwieweit sich dieser Beitrag erhöhen wird, steht noch aus. Wert
ist es die Arbeit der KABS aber jederzeit, schließlich ist es
kein wirtschaftlich orientiertes Unternehmen mit Gewinnmarke, sondern
eine Aktionsgemeinschaft. Und ich bin froh, dass ich heute nicht erst
das Fenster schließen muss, bevor ich das Licht anmache. Ich erinnere
mich noch gut an diese Zeiten!
(Noch bis 19. Oktober ist im Rathaus die Ausstellung
der KABS zu sehen, die anhand von Plakaten ihre erfolgreiche Arbeit
der vergangenen 30 Jahre dokumentiert. Die Ausstellung ist ein Schwerpunkt
der noch 14 Tage andauernden Umweltwochen.)
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