<<Leerzelle>>  

Schifferstädter Tageblatt, 28.07.2007:

2,4 Millionen Euro jährlich für den Kampf gegen Stechmücken
TAGBLATT-Gespräch mit Dr. Norbert Becker: Auf 12 000 Hektar in diesem Jahr bereits gegen unliebsame Insekten vorgegangen - Schifferstadt vor Plage bewahrt

Sie sind lästig, tauchen meist in Gruppen auf und hinterlassen hässliche rote, juckende Knubbel auf der Haut. Stechmücken zählen nicht gerade zu des Menschen Lieblingstier. Zurzeit haben die Mitarbeiter der KABS (Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Stechmückenplage) mit Sitz in Waldsee einiges zu tun. "Wir kommen aus den Stiefeln nicht mehr heraus", sagt der wissenschaftliche Direktor Dr. Norbert Becker. Mit ihm sprach das TAGBLATT über seine Arbeit, den Stand der Dinge und die Kosten der Aktionen. Nur soviel: Die Schifferstadter können von einer Schnakenplage absehen.

Herr Dr. Becker, persönliche Erfahrungen zeigen, dass in diesem Jahr weder eine Stechmücke gesehen noch "gespürt" wurde: Wie lässt sich das mit Ihrem besonders intensiven Einsatz momentan vereinbaren?
"Wir haben es geschafft - trotz widriger Verhältnisse - die Stechmücken in Schach zu halten. Wir gehen rein biologisch gegen die Plagegeister vor und können nur die Larven bekämpfen. Diese treten immer bei Hochwasser des Rheins auf. Immerhin haben wir bereits zur Zeit die siebte Hochwasserphase. Bei jedem Hochwasser sind massenhaft Larven der so genannten Rheinschnaken aufgetreten, nicht selten mehrere hundert Millionen pro Hektar Wasserfläche. Diese wurden gezielt mit einem Eiweiß auf der Basis des Bacillus thuringiensis israelensis bekämpft. Durch präzise Planung und die gezielte Anwendung konnten, wie unsere Messungen zeigen, mehr als 95 Prozent abgetötet werden, ohne andere Tiere zu schädigen. Die Eiweiße wurden als wässriges Stoffgemisch zu Fuß oder als Eisgranulat mit dem Hubschrauber ausgebracht. Immerhin wurden dieses Jahr schon 8000 Hektar mit dem Hubschrauber behandelt und 4000 Hektar zu Fuß. Die KABS-Mitarbeiter haben sehr gute Arbeit geleistet.

Wie viele Personen und Hubschrauber sind regelmäßig im Einsatz?
Es sind täglich etwa 250 Mitarbeiter unterwegs, die durch einen oder zwei Hubschrauber unterstützt werden. Die Hubschrauber sind mit modernster Technik ausgerüstet (Globales Positionsbestimmungssystem, GPS), so dass die Flächen sehr zielgenau behandelt werden können.

Wie lang dauert der Einsatz am Tag und über wie viele Wochen erstreckt er sich im Allgemeinen?
Wir haben früher immer im April mit der Bekämpfung begonnen und im September aufgehört. Wegen der Klimaschwankungen müssen wir jetzt bereits im März beginnen und bekämpfen oft bis in den Oktober hinein. Es hat auch die Häufigkeit der Hochwasserspitzen zugenommen. Trotzdem haben wir exzellente Ergebnisse eingefahren.

Welche Gebiete fallen in die Bekämpfungszone der KABS und wie groß ist die Fläche insgesamt?
Es müssen innerhalb einer Woche nach einem Hochwasser zirka 60 000 Hektar Brutareal kontrolliert und meist etwa 10 000 Hektar bekämpft werden.

Wo befinden sich die Hauptbrutstätten der Stechmücken?
Wir gehen vorwiegend gegen die Rheinschnaken in den Rheinauen vor, da sie zur Massenentwicklung in kurzer Zeit neigen und die Menschen dadurch plagen. Es kann aber jeder Einzelne mithelfen, indem er die Hausschnaken in seinem Regenfass, in seiner Jauchegrube oder in anderen Wasseransammlungen im Siedlungsbereich bekämpft. Die KABS bietet Hilfe für die Selbsthilfe an. In den Rathäusern gibt es unentgeltlich die Bti-Culinex-Tabletten, die biologisch die Stechmückenlarven abtöten.

Wie gehen Sie bei der Schnakenbekämpfung vor?
Rein biologisch. Die Bti-Eiweiße zerstören nur den Darm von Mückenlarven, alle anderen Organismen bleiben unbeschädigt. Eine sehr gezielt wirksame Methode, die auch anderswo erfolgreich eingesetzt wird und am Oberrhein entwickelt wurde.

Wer stellt die Bekämpfungsmittel her und wie ist deren Wirkungsweise?
Die Firma Icybac in Speyer stellt das Eisgranulat her, das wässrige Stoffgemisch wird mit Stickstoff zu Eispellets schockgefroren, die Pellets können mit dem Hubschrauber ausgebracht werden. Sie fallen in das Wasser und lösen sich in den oberen Wasserschichten auf. Durch dieses Verfahren werden jährlich viele hunderttausend Euro gespart.

Was kostet die Bekämpfung der Stechmücken pro Jahr?
Etwa 2,4 Millionen Euro. Davon profitieren etwa 2,7 Millionen Menschen - das bedeutet einen Einsatz von weniger als einem Euro pro Person pro Jahr im Durchschnitt.

Sind die Bekämpfungsmittel effektiver geworden?
Ja, die KABS verfeinert die Bekämpfung ständig, um mit den vorhandenen Mitteln immer bessere Ergebnisse einzufahren. Dabei werden neue Methoden wie Navigationssysteme beim Ausbringen mit dem Hubschrauber eingesetzt.

Werden bei der Schnakenbekämpfung auch Hilfsorganisationen wie die Feuerwehr zur Unterstützung geholt?
Die Bekämpfung zu Fuß wird vorwiegend mit Studenten der ansässigen Universitäten (Heidelberg, Mainz, Darmstadt, Karlsruhe) vorgenommen. Allerdings sind auch mancherorts Gemeindebedienstete im Einsatz, so in Römerberg, Lingenfeld oder Dudenhofen. In Schifferstadt wird die Bekämpfung von den KABS-Mitarbeitern direkt vorgenommen.

Wirken die zur Vorbeugung gegen "Schnakenstiche" angebotenen Sprays überhaupt noch oder sind die Tierchen mittlerweile immun dagegen?
Autan ist das beste, aber ätherische Öle helfen als Abwehrstoff, den man auf die Hut aufträgt, auch.

Wie sieht es am Standort Schifferstadt in Verbindung mit der Stechmückenplage aus?
Wir haben eine Plage in Schifferstadt erfolgreich abgewehrt. Ich denke, die Menschen können mit unserer Arbeit zufrieden sein.

Seit wann laufen die Bekämpfungsmaßnahmen generell?
Die KABS wurde von Dr. Paul Schädler im Jahr 1976 gegründet. Er ist auch heute noch der Präsident der KABS.

Gab es in einem Jahr schon einmal Rückschläge, weil die Wirksamkeit der Mittel versagt hat?
Nein! Es gab nur technische Probleme mit dem Hubschrauber vor einigen Jahren. Diese sind jetzt ausgeräumt. -kai


 

 

 
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